Der neue Netzwerker

11.10.2016 Mittelbadische Presse

Seit dem 1. Juli hat die Wirtschaftsregion Offenburg/Ortenau mit Dominik Fehringer einen neuen Geschäftsführer. So neu ist der 39-Jährige jedoch nun auch wieder nicht bei der WRO. Seit zehn Jahren ist er beim Netzwerk ausWirtschaft, Politik und Kommunen mit im Boot. Der Übergang von seinem Vorgänger Manfred Hammes ging somit übergangslos über die Bühne. Trotzdem will Fehringer der WRO auch seinen Stempel aufdrücken. Wie seine Pläne aussehen, hat er insideB imInterview verraten.

■Einiges haben Sie sicherlich weitergeführt.

FEHRINGER: Genau. Wir haben die Projekte übernommen, die schon liefen oder in der Planung waren. Am 1. Juli haben wir die Kontaktstelle »Frau und Beruf« eingerichtet. Und zu Beginn des kommenden Jahres geht das Innovationszentrum Ortenau an den Start.

■Zehn Jahre sind auch schon eine lange Zeit.Wie schwierig war es, auf einmal Chef zu sein?

FEHRINGER: Ich habe mich über den Zuspruch und Rückhalt aus den entscheidenden Gremien der WRO sehr gefreut. Und im Team selbst gab es auch keine Probleme. Wir haben bei der WRO ganz flache Hierarchien und arbeiten auf Augenhöhe.

■Wie haben Sie sich auf Ihre neue Position vorbereitet?

FEHRINGER: In den vergangenen Jahren habe ich nach und nach immer mehr Verantwortung übernommen. Ich war seit Längerem in alle Prozesse der Unternehmensgestaltung mit einbezogen.

■Sie hatten am 1. Juli bestimmt einen Plan in der Schublade, was Sie alles anpacken wollten?

FEHRINGER: Natürlich hatte ich das. Mit dem Aufsichtsrat und dem Vorstand des Wirtschaftsbeirates haben wir im Sommer getagt, um die Strategie für die kommenden Jahre zu fixieren.

■Welche Ziele sind vereinbart worden?

FEHRINGER: Wir werden uns weiterhin intensiv um das Thema Fachkräftemangel kümmern. Die Ortenauer Identität will weiter geschärft werden. Das WRO-Netzwerk aus Politik und Industrie soll als gemeinsames Sprachrohr weiter gestärkt werden. Und wir fokussieren uns auf die grenzüberschreitende Zusammenarbeit. Aus Ortenauer Sicht ist Straßburg die Metropole am Oberrhein. Wir sind uns einig, dass unsere freundschaftliche und erfolgreiche Zusammenarbeit mit Straßburg weiter vertieft werden kann.

■Was haben Sie am 1. Juli zuerst gemacht?

FEHRINGER: Ich habe die Türe ausgehängt, die mich sonst von meinen Mitarbeitern getrennt hätte. Wir haben die Sommerwochen auch genutzt, um kostengünstig frischen Wind ins Büro zu bringen: Das vorhandene Mobiliar haben wir mit Goldfolie aufgefrischt. Danach haben wir sofort mit der Digitalisierung von Prozessen begonnen.Das ist eines der Projekte, das mir besondersam Herzen liegt.

■Wie muss ich mir das vorstellen?

FEHRINGER: Schränke mit alten Aktenordnern haben wir komplett entfernt, weil sie im Grunde in der heutigen Arbeitswelt nur noch als Ballast anzusehen sind.

■Genau, jetzt sind die Wände alle weiß ...

FEHRINGER: ... und da wollen wir künftig Kunst aus der Region ausstellen. Unser Büro ist ja wie ein Taubenschlag für Unternehmer und Mandatsträger. Da lässt sich Kunst herrlich präsentieren. Mit der Digitalisierung sparen wir Kosten und Zeit. Die interne und externe Kommunikation sowie die Verwaltung wird digitaler. Eine Papierablage wird es nicht mehr geben. Einladungen und Rückmeldungen für unsere Großveranstaltungen werden künftig papierlos verarbeitet. Digital lassen sich die Zahlen zudem effizienter auswerten.

■Oje, dann kann ich nicht mehr anrufen, um mich für eine WRO-Veranstaltung anzumelden?

FEHRINGER: (lacht) Also, die Telefone schalten wir nicht ab.

■Welche Pflöcke wollen Sie sonst noch in den Boden schlagen?

FEHRINGER: Der Fachkräftemangel bleibt weiterhin im Fokus. Die WRO ist unter den Wirtschaftsregionen auf dem Feld der Fachkräftesuche und -vermittlung führend inder Bundesrepublik. Wir haben eine crossmediale Kampagne entwickelt, die letztlich in eine Datenbank mündet. Unsere Mitglieder können aus einem Pool von rund 500 Bewerbern ihre Arbeitnehmer zusammensuchen. Dazu sind wir jährlich auf 10 bis 15 Fachmessen, Personalmessen und Careerdays unterwegs.

■Wie muss ich mir das ganz konkret vorstellen?

FEHRINGER: Wir befragen regelmäßig die Personalabteilungen unserer Unternehmen, welche Arbeitskräfte in den kommenden Jahren benötigt werden. Dann suchen wir passende Messen aus, teilweise imAusland. Im Mittelpunkt der Kampagne steht ein Fachkräfteportal, in den Fachkräfte ihren Lebenslauf hochladen. Die Personalabteilungen haben darauf Zugriff und können das passende Personal aussuchen.

■Wie virulent ist der Fachkräftemangelin der Ortenau aktuell?

FEHRINGER: Das ist sehr unterschiedlich. Zu Beginn der Kampagne vor fünf Jahren wurden vorwiegend akademisch gebildete Fachkräfte gesucht. Das hat sich mittlerweile verändert. Heute ist der Bedarf an Absolventen klassischer Ausbildungsberufe wie Elektriker und Mechatroniker angestiegen. Im akademischen Bereich bleibt der Bedarf an Informatikern nach wie vor hoch.

■Lässt sich quantifizieren, ob die Kampagne Früchte trägt?

FEHRINGER: Für uns ist das durch das Portal gut messbar. Nach einer Messe können wir exakt feststellen, wie viele Interessenten sich eingetragen haben. Wir können für jeden crossmedialen Touchpoint messen, zu welchem Erfolg er geführt hat. Das betrifft die Social Media-Aktivitäten genauso wie Newsletter und Out-of-home-Kampagnen.

■... und ob auch einer einen Arbeitsplatz annimmt?

FEHRINGER: Nein, dasmessen wir im Einzelnen nicht. Ob ein Bewerber eingeladen und eingestellt wird, entscheiden die Personalabteilungen. Aber wir erhalten von den Personalern durchweg positives Feedback. Und es ist toll für uns, wenn auf einer WRO Veranstaltung ein Personalchef uns gegenüber seine Freude zum Ausdruck bringt, über das Portal einen Informatiker gefunden zu haben.

■Unternehmen suchen ja nicht nur qualifizierte Arbeitskräfte, sondern auch oft Kollegen, die nur den Knopf drücken müssen. Können Flüchtlinge diese Lücke stopfen?

FEHRINGER: Bisher hat sich gezeigt, dass in der Ortenau nur ganz wenige Flüchtlinge in Betriebe vermittelt werden konnten. Das hängt mit sehr geringen Sprachkenntnissen und mit sehr geringen beruflichen Qualifikationen zusammen. Zudem versuchen Unternehmen im Zuge von Industrie 4.0 Arbeitsprozesse weiter zu automatisieren, die für einen Menschen wenig sinnstiftend sind. Nicht sinnstiftende Tätigkeiten werden in den nächsten Jahren rapide abnehmen. Insofern ist beim Thema Flüchtlinge die Qualifizierung ein ganz zentraler Punkt.

■Aber keiner, mit dem sich dieWRO beschäftigen wird?

FEHRINGER: Richtig.Wir konzentrieren uns auf Öffentlichkeitsarbeit und Standortmarketing. Da gibt es schon genug Akteure am Markt, die sich mit Qualifizierung und Integration von Flüchtlingen beschäftigen.

■Was wollen Sie noch anpacken?

FEHRINGER: Ein wichtiger Bestandteil unserer Arbeit sind Veranstaltungen, bei denen wir unser Netzwerk zusammenbringen. Für jüngere Zielgruppen wollen wir mehr bieten. Gerade durch den Generationswechsel in den Unternehmen erleben wir eine Verjüngung der Mitglieder. Die klassische Abendveranstaltung, bei der man im schwarzen Frack zwei Stunden lang einem Professor lauscht, entspricht nicht mehr allen Erwartungen.

■Und was bietet man Jüngeren an?

FEHRINGER: Schon im vergangenen Jahr haben wir eine kompakte Reise nach Berlin organisiert. Wir konnten mit Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble sprechen, waren im Bundeskanzleramt, im Bundesrat und im Hauptstadtstudio der ARD. Die zwei Tage hatten es in sich und haben das Netzwerk gestärkt. Die Leute waren vom Informationsgehalt begeistert. Darüber hinaus sind wir in Gesprächen mit Mitgliedern zur Gründung einer neuen Veranstaltungsreihe, bei der Unternehmerin ungezwungener Atmosphäre zusammenkommen.

■Die WRO erhöht im  kommenden Jahr ihren Beitrag. Mit dem Geld soll die Existenzgründung in der Ortenau wieder angeschoben werden. Stößt das Projekt uneingeschränkt auf Gegenliebe?

FEHRINGER: Das Projekt ist mit großer Mehrheit beschlossen worden. Schon 2011 haben die Gesellschafter in einer Strategieplanung den Wunsch geäußert, dass sich die WRO bei der Existenzgründung stärker engagiert. Wir haben den TechnologieparkOffenburg. Auf Anregung der Stiftung übertragen wir den nun in ein regionales Innovationszentrum, das die bereits bestehenden Gründungszentren mit einbindet. Es wird zu einer intensiven Zusammenarbeit unter professioneller Leitung kommen. Bisher ist der TPO ehrenamtlich geführt worden. Das hat auch über Jahre erfolgreich funktioniert. Bei der WRO wird es einen Bereichsleiter geben, der sich ausschließlich mit dem Thema Existenzgründung beschäftigen wird. Die zusätzlichen Mittel aus der Beitragserhöhung fließen zweckgebunden in diesen Bereich.

■Warum gibt es in der Ortenau sowenige Existenzgründungen?

FEHRINGER: Das ist eine Folge des stabilen Arbeitsmarktes in der Ortenau. Die Einstiegsgehälter für Fachkräfte sind lukrativ. Der Anreiz, sich mit einer Selbständigkeit zu beschäftigen, ist zu gering.

■Und wie wollen Sie das ändern?

FEHRINGER: Wir sind davon überzeugt, dass wir in der Lage sind, an den Hochschulen die Begeisterung für Existenzgründungen zu steigern. Das funktioniert natürlich nur durch eine aktive Ansprache. Das lässt sich nicht in einer halben Stunde bewerkstelligen. Nur Mut zuzusprechen, genügt nicht. Die Gründer müssen über einen bestimmten Zeitraum professionell begleitet werden.

■Wie sieht das aus?

FEHRINGER: Wir unterstützen in der Kontakt-,Planungs- und Gründungsphase. Konkret bedeutet dies, dass wir von der Ansprache, über die Erstellung des Businessplans und von Marktanalysen bis hin zu Fragen der Finanzierung, Rechtsform, Vertrieb und Marketing die Hand reichen und mit unserem Know-how zur Verfügung stehen.

■Die Ortenau ist ein Landstrich, indem Milch und Honig fließen. Brauchtes überhaupt noch Existenzgründer, wenn alles so toll ist?

FEHRINGER: Eine gesunde Wirtschaftsstruktur entsteht aus unternehmerischem Denken und Handeln. In den vergangenen Jahrzehnten ist in der Ortenau eine enorme Wirtschaftskraft entstanden. Blickt man in die Welt hinaus, sind die erfolgreichsten Existenzgründungen der vergangenen Jahren auf dem Technologiemarkt kreiert worden. Für die Ortenau gilt es deshalb, Ideen aus dem Informatikbereich mit dem klassischen Maschinenbau oder der Elektrotechnik zu verschmelzen.

■Die wirtschaftliche Prosperität der Ortenau soll mit Hilfe von Existenzgründungen auch in die Zukunft verlängert werden – richtig?

FEHRINGER: Genau darum geht es. Unser wirtschaftlicher Wohlstandsoll nachhaltig bleiben.Und wir wollen, dass Existenzgründer ihr Unternehmen in der Ortenau starten.

■Wirtschaft ist ein Auf und Ab. Vorstellbar, dass die Ortenau mal darniederliegt, beispielsweise durch eine Krise im Automobilbereich?

FEHRINGER: Das kann ich mir nicht vorstellen. Schon 2008/09 hat die Ortenau die Wirtschaftskrise durch die breite Diversifizierung der Unternehmen glänzend überstanden. Wir erwarten auch in schwierigen Zeiten keine großen Dellen.

■Ihr Vorgänger Manfred Hammes war und ist ein vielseitiger Mensch mit unzähligen Leidenschaften und Talenten. Aber Sie sind auch ziemlich talentiert, wenn man Ihre Vita betrachtet: Geigenspielen von Kindesbeinen an – manchmal sogar auf Beerdigungen ...

FEHRINGER: Ich teile viele Leidenschaften, manche ganz talentfrei.

■Sie waren Zeitsoldat, haben in Deutschland, Frankreich und England studiert, waren in der Politik als Referent von Willi Stächele in Brüssel. Wäre die Politik nichts für Sie gewesen?

FEHRINGER: Der Schritt in die Ministerialverwaltung schied für mich aus.Das wäre mir zu starr gewesen. Ich war unheimlich froh, als ich die Ausschreibung der WRO für die damalige Stelle gesehen habe. Da habe ich mich schnell daraufbeworben.

■Sie boxen auch noch ab und an um 5:30 Uhr.

FEHRINGER: Ich habe zehn Jahre Taekwondo betrieben und fünf Jahre Krav Maga, israelische Selbstverteidigungstechniken. Jetzt beschäftigeich mich mehr mit Ausdauersport.

■Im Schützenverein Oberkirch sind Sie ebenfalls aktiv, Sie reisen gerne und haben einen Hund. Suchen Sie irgendwas im Leben?

FEHRINGER: Nein, ich war schon immer vielseitig interessiert. Mein Unvermögen, mich für eine bestimmte Richtung zu entscheiden, hat auch zu meinem generalistischen Studium geführt. Ich war mit Juristen, Volkswirten, Betriebswirten und Politikwissenschaftlern zusammen. Ich kann alles ein bisschen, aber nichts richtig. Das Generalistische lebe ich auch im Privaten aus.

■Und haben Sie das alles mit dem neuen Job in der WRO gefunden?

FEHRINGER: Das, was ich kann, passt zur WRO wunderbar.

■Sie werden nächstes Jahr 40. Wielang wollen Sie bei der WRO bleiben?

FEHRINGER: Ich habe jetzt erst mal einen Vertrag über fünf Jahre. Das ist eine lange Zeit, in der sich viel bewegen lässt.

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