Liebe aus der Maschine

4.11.2016 Mittelbadische Presse

Philosoph Thomas Metzinger erklärt, wie virtuelle Realität das Leben verändert

Hightech-Brillen und Computerspiele entführen immer Menschen in eine andere Wirklichkeit. Doch das sei erst der Anfang, sagt Thomas Metzinger, Professor für theoretische Philosophie an der Uni Mainz. Im Interview mit der MITTELBADISCHEN PRESSE spricht er über Demokratie, Liebe und Pornographie in der virtuellen Realität. Am Montag hält er in der Offenburger Reithalle ab 19 Uhr einen Vortrag.

■Herr Metzinger, die klassische Realität verschmilzt durch die digitalen Innovationen zunehmend mit der virtuellen Realität. Ist das schlimm?

THOMAS METZINGER: Das könnte sowohl eine Bereicherung als auch eine Bedrohung für unsere geistige Gesundheit sein. Die »klassische Realität « gibt es so auch nicht – die subjektiv erlebte Wirklichkeit wird ebenfalls im Gehirn erzeugt. Was wir normalerweise bewusstes Erleben nennen, ist eine virtuelle Realität, die neuronal realisiertwirdundschon seit Millionen Jahren in den Nervensystemen von biologischen Systemen optimiert worden ist. Eigentlich ist es nur so, dass wir auf eine wesentlich ältere Form der virtuellen Realität jetzt neue Technik aufsetzen.

■Wo liegen dabei die Bedrohungen?

METZINGER: Man kann sich vorstellen, dass es zumBeispiel Depersonalisationsstörungen gibt. Das heißt, dass Leute, nachdem sie sich längere Zeit mit Avataren (virtuelle Personen im Internet, d. Red.) identifiziert haben, ihren sogenannten normalen Körper danach erst mal als unwirklich erleben. Es ist möglich, dass sich die moralische Persönlichkeit verändert. Es kann auch einfach sein, dass der virtuelle Inhalt so attraktiv wird, dass das Suchtpotenzial noch viel höher liegt als bei den jetzt bekannten Formen von Unterhaltung.

■Aber dass man völlig in ein anderes Leben eintaucht, ist doch auch beimLesen von Romanen so.

METZINGER: Menschen haben sich immer mediale Umwelten geschaffen, auch schon vor Romanen, zum Beispiel im Schamanismus oder durch archaische Ekstasetechniken. Es ist eine allgemeine menschliche Fähigkeit, sich mit Geistern oder mit dem Stamm oder der Nation zu identifizieren. Oder eben mit dem Protagonisten in einem gut geschriebenen Roman. Das ist eine lange Menschheitstradition, die jetzt technisch radikalisiert wird.

■Worin besteht dann das Neue, das Radikale?

METZINGER: Ich sehe die virtuelle Realität als Bewusstseinstechnologie. Schauen Sie sich die technische Entwicklung an: Wir haben bessere Augen gebaut, bessere Beine, bessere Flügel. Und jetzt bauen wir besseres bewusstes Erleben. Wir kommen näher an den Kern des phänomenalen Erlebens selbst heran. Virtuelle Realität eröffnet auch viele tolle neue Möglichkeiten, etwa in der Bildung und der Psychotherapie. Sie wird vielen Menschen helfen. Die Frage ist nur, ob wir damit erwachsen umgehen können. Das können wir ja mit anderenDingen auch nicht, zum Beispiel mit Alkohol oder Smartphones oder Autos.

■Für Alkoholkonsum und Autofahren gibt es eigene Gesetze. Brauchen wir das für die virtuelle Realität auch?

METZINGER: Ich nenne ein Beispiel, die Pornoindustrie. Die sollte man jetzt sehr genau beobachten. Denn es besteht die Möglichkeit, dass strafbare Handlungen, die auf diese Art aufgezeichnet worden sind, für Leute auf eine neue Art konsumierbar werden: völlig eingetaucht und wesentlich realistischer als in »altmodischen« Gewalt- oder Kinderpornos. Somit entsteht ein Anreiz, solche strafbaren Handlungen auf diese neue Weise aufzuzeichnen. Damit verbunden ist die Frage, ob in der virtuellen Realität dieselben Regeln gelten sollten wie in der wirklichen Realität.

■Und, sollten sie?

METZINGER: Bevor wir detaillierte, bessere Ideen haben, auf jeden Fall. Wenn sexuelle Belästigung auf der Straße strafbar ist, sollte sie es auch in der virtuellen Realität sein. Die psychologische Traumatisierung, die Verletzung der Würde ist vergleichbar, auch wenn kein realer biologischer Körper beschädigt wurde.

■Ich schaue mal noch weiter in die Zukunft: Werden eines Tages Chips ins menschliche Gehirn eingepflanzt, die das Bewusstsein steuern?

METZINGER: Menschen werden, falls es solche Möglichkeiten geben sollte, diese immer ausprobieren. Die Erweiterung des eigenen Bewusstseins scheint eine anthropologische Konstante zu sein. Ob uns das weiterbringt, ist eine andere Frage. Aber es gibt hinter all dem natürlich eine starke kapitalistische Verwertungslogik: Große Konzerne wollen damit Geld verdienen. Ich denke, dass wir gerade erst die Anfänge einer neuen Entwicklung erleben. Fachleute sprechen von unserer »kognitiven Nische«, das heißt Menschen werden in eine Sprache, ein Zahlensystem oder eine Kultur hineingeboren. Ihr Denken passt sich in der Kindheit dem an, was sie vorfinden. Diese Anpassung an neuekognitiveNischenwird radikalisiert, wenn in zehn oder 20 Jahren die virtuelle Realität zur Alltagstechnologie wird und Kinder damit aufwachsen. Da wird sich der menschliche Geist an diese neuen Begebenheiten anpassen.

■Was heißt das?

METZINGER: Wenn man sich vorstellt, dass viele Kinder mit kleinen Spielrobotern oderAvataren aufwachsen, mit denen sie in Märchenspielen interagieren, noch bevor sie sprechen gelernt haben – da könnte eine Generation heranwachsen, für die die Unterscheidung zwischen lebend und tot, zwischen wirklich bewusst und bloßer Maschine nicht mehr so klar ist wie für uns. Für sie wäre die Welt wieder mit Geistern besessen, die sie auch real finden.

■Das heißt die Welt wird wieder stärker verzaubert?

METZINGER: Es wird Leute geben, die versuchen ihre Welt zu verzaubern. Es könnte aber auch zu dem führen, was ich in dem Buch »Der Ego-Tunnel« »Selbstentzauberung« genannt habe. Immer mehr Menschen könnten merken, wie stark manipulierbar ihr eigenes Bewusstsein ist. Es könnte also auch eine Wende im Menschenbild geben, die zu einer Entzauberung führt.

■Welche politischen Folgen könnte die virtuelle Realität haben?

METZINGER: Indem man solche Technologien beeinflusst, könnte jemand auf die Idee kommen, dieBevölkerung ineine bestimmte Richtung zu lenken. Avatare werden immer intelligenter, sie werden richtige Mimik und Blickfolgebewegungen haben, in natürlicher Sprache kommunzieren. Sie werden in uns emotionale Reaktionen auslösen und uns etwa beim Einkaufen beraten. Das könnte uns in unserem Selbstverständnis berühren und zu sozialen Halluzinationen führen.

■Das heißt die demokratische Kultur könnte noch emotionsgesteuerter werden?

METZINGER: Es gibt wissenschaftliche Studien aus den USA, die zeigen, wie Wähler schon heute tatsächlich sind: inkompetent, irrational, schlecht informiert und nationalistisch. Also nicht so, wie Demokratietheoretiker sie sich vorstellen.Das könnteman verschärfen, indem man die Leute durch Unterhaltungstechniken immer weiter verblödet oder politische Manipulation betreibt, etwa durch Bots und automatisierte Twitter-Kampagnen. Wirmüssen sehr aufpassen, dass wir unsere demokratische Kultur schützen. Große Teile der jungen Generation könnten so stark durch mediale Umwelten gebannt sein, dass sie apathisch und entpolitisiert werden – denken Sie nur an den Brexit.

■Wenn virtuelle Realität das menschliche Bewusstsein so stark verändert – kann man eines Tages auch Liebeskummer damit beseitigen?

METZINGER: Die Frage ist, was es bedeutet, Liebeskummer zu beseitigen. Man kann ihn pharmakologisch beseitigen, wenn man das Erlebnis nicht mehr haben will, oder man kann ihn psychologisch bearbeiten. In der virtuellen Realität könnten Sie Ihre Ex vielleicht noch mal ganz realistisch sehen und erleben – oder auch ihren verstorbenen Großvater. Die Frage ist, ob das so gut wäre.

■Kann man andersrum durch virtuelle Realität echte Liebe erzeugen?

METZINGER: Dahinter steckt wieder ein Mythos der Authentizität. Was macht Liebe echt? Man könnte argumentieren, dass Liebe auch ohne virtuelle Realität oft gar nicht echt ist, weil die Evolution in uns Mechanismen eingebaut hat, die wir selbst gar nicht ganz durchschauen. Verliebtsein ist etwas, das einem widerfährt und wodurch man einen Kontrollverlust erlebt. Man könnte sagen, es handelt sich um eine Krankheit, eine Form von Besessenheit, wenn man böse sein wollte. Ist Liebe nur echt, wenn sie durch Duftmoleküle und direkte körperliche Berührung ausgelöstwird? Es gibt heute schon viele Leute, die sich im Internet verlieben.

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