Auf die Lebensumstände der Mitarbeiter achten

20.07.2017 Badische Zeitung

OFFENBURG. „Fachkräfte gewinnen und binden“ ist ein Thema, das wohl alle Betriebe betrifft. Wie das gelingen kann und welches Umdenken das bei den Arbeitgebern erfordert, darüber hielt Jutta Rump, Professorin für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre, im Tesa Werk Offenburg einen engagierten Vortrag.
Vereinbarkeit von Beruf und Familie, Work-Life-Balance, demografischer Wandel sind Schlagwörter, die zwar nicht nur, aber auch für Frauen – besonders in Führungspositionen – eine große Herausforderung darstellen. Initiatoren der Veranstaltung waren die Kontaktstelle „Frau und Beruf“, das Unternehmensnetzwerk „familyNET, gemeinsam mit der Wirtschaftsförderung Ortenau (WRO).
Mit einer einfachen Rechnung begann die Wirtschaftswissenschaftlerin den Vortrag. „In unseren 2,5 Millionen Betrieben liegt das Durchschnittsalter der Mitarbeiter bei 47 Jahren.“ Gehen diese Arbeitskräfte gleichzeitig in Rente, fehle es konkret an Fachpersonal. Nachwuchs muss also her. „Wer von Ihnen ist ein Baby-Boomer, also ist vor 1970 geboren“, fragte Jutta Rump in den Saal. Mehrheitliche Meldungen. „Sehen Sie, wir sind die Ursache und das Problem, weil unsere Generation zu wenig Nachwuchs hat“, erklärte sie den Zuhörern. Die Folge: Das „knappe Gut“ an Nachkommen wisse um die Nachfrage und stelle Ansprüche wie die Work-Life-Balance. Die, so betonte die Expertin, sei aber keineswegs nur ein Trend. Angesichts dessen, dass die folgenden Generationen bis 70 Jahre arbeiten müssten, sei das Gleichgewicht zwischen Beruflichem und Privatem zu halten, eine vernünftige Lebensentscheidung. Den Arbeitgebern bliebe keine andere Wahl, als auf diesen Zug aufzuspringen, um mit künftigen Fachkräften den Erfolg und das Fortbestehen des Betriebes zu sichern. Maßnahmen zur so genannten lebensorientierten Personalpolitik seien etwa Vertrauenszeit bei der Arbeit oder Mütter in Teilzeit sowie das Abstimmen mit den Mitarbeitern in besonderen Lebenssituationen. „Wenn ich Zuhause pubertäre Kinder habe, zeitgleich muss ich meine Eltern pflegen und dann kommt noch eine Umstrukturierung in meinem Job, ist das zu viel.“ Damit der Mitarbeiter mit Engagement und Identifikation mit dem Unternehmen dabei bleibe, sollten solche Ereignisse offen besprochen, Arbeitszeiten angepasst werden. Eine Strategie, die Rump, selbst Führungskraft an der Hochschule Ludwigshafen, auch für sich nutzt. „Sie müssen im Team klare Regeln vereinbaren“, betonte sie.
Die Professorin ist überzeugt, und belegte das mit Zahlen, dass die Anpassung von Berufsphasen an Lebensphasen einem Unternehmen unterm Strich weniger kostet, als wenn der Arbeitgeber sich der gesellschaftlichen Entwicklung entzieht.

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