Mercedes-Benz statt Lynyrd Skynyrd

15.08.2017 Mittelbadische Presse

Die Hochschule Offenburg hat sich den US Bundesstaat Alabama für ihren ersten groß angelegten Studentenaustausch mit amerikanischen Universitäten ausgesucht. Ausgerechnet könnte man denken. Der Bundesstaat war mal das Epizentrum der Bürgerrechtsbewegung in den USA. Und Lynyrd Skynyrd haben dem Bundesstaat mit "Sweet Home Alabama" ein musikalisches Denkmal gesetzt. Vielmehr dürfte den meisten Zeitgenossen nicht zum künftigen Ziel der Offenburger Studenten einfallen. Birgit Teubner-Jatzlau, Leiterin des International Office der Hochschule, kann über solch ein holzschnittartiges Bild über den Staat im Südwesten der USA nur lachen. Sie war in den vergangenen zwei Jahren zweimal dort, um den Austausch für die Fakultäten Verfahrenstechnik und Maschinenbau sowie Betriebswirtschaft und Wirtschaftsingenieurwesen vorzubereiten und Kontakte zu knüpfen. Ihr Bild ist mittlerweile ein völlig anderes. "Ich habe Kollegen getroffen, die dieselben Interessen haben wie wir. Uns geht es um die persönliche Weiterentwicklung der Studenten." Und: "Provinziell ist da überhaupt nichts."

Deutschland im Blick

Sie kramt eine Karte des Bundesstaates hervor und zeigt zielsicher auf die Stadt Tuscaloosa. In der Nähe unterhält Mercedes-Benz ein Werk mit 3700 Mitarbeitern, in dem der Automobilhersteller Fahrzeuge für den amerikanischen, aber auch den europäischen Markt produziert. "Außerdem haben sich viele Zulieferer um das Werk angesiedelt", erläutert Teubner-Jatzlau. Die Folge: "Die Professorendort haben Deutschland sehr im Blick." An einer Kooperation seien sie deshalb sehr interessiert. Beteiligen an dem Austausch werden sich in Offenburg als Vorreiter die Fakutäten Maschinenbau und Verfahrenstechnik. Wie die meisten Gespräche über die USA kommt auch das mit Teubner-Jatzlau nicht ohne Präsident Donald Trump und seine Politik aus. Mögliche Auswirkungen auf die Kooperation durch striktere Regeln auch für ausländische Studenten fürchtet sie nicht. "Die Universitäten gehen nicht konform mit 'America First'."Tuscaloosa ist neben Huntsville, Mobile und Auburn eine von vier Universitäten, mit denen die Hochschule eine Kooperation vereinbart hat. 20 Studenten sollen mittelfristig nach Offenburg kommen und 20 deutsche Studenten ein Semester in den USA absolvieren. An Offenburg und die anderen baden-württembergischen Hochschulen, die sich an dem Austauschprogrammen beteiligen, ist vor allem eine Sache für die Amerikaner so interessant: Das Studium ist an den deutschen Fachhochschulen deutlich praxisorientierter als an den Universitäten in den USA."Handson", sage der Amerikaner dazu. "Die Vernetzung mit den Unternehmen, so wie in der Ortenau, haben die dort nicht", macht die Auslandsexpertin deutlich.

Wie eine eigene Stadt

Was die jungen Leute jenseits des Atlantiks erwartet, macht Teubner-Jatzlau am Beispiel von Tuscaloosa deutlich. Die Stadt sei ungefähr so groß wie Offenburg, berichtet sie. Aber es gebe dort rund 38000 Studenten. Die Bilder, die sie aus den USA mitgebracht hat, zeigen einen riesigen Campus. Der sei wie eine eigene Stadt. Die Aufnahmen zeigen etwa ein Football-Stadion, das größer ist als manches deutsche Bundesligastadion. Sport sei an Universitäten enorm wichtig. Die Studenten identifizierten sich dadurch auch sehr mit ihren Hochschulen. Wenn Studenten aus Offenburg bisher ins Ausland gehen wollten, taten sie das meist mit dem Erasmus-Programm. Der Grund ist das Geld. Bei Erasmus müssen die Studenten kein Geld bezahlen. Es beinhaltet ein Stipendium. In den USA war das bisher anders und das Land fehlte deshalb laut Teubner-Jatzlau auch weitgehend in der Partnerliste der Hochschule. Ein Semester koste dort rund 15000 US-Dollar an Studiengebühren, berichtet die Expertin. Die bekommen die Studenten jetzt erlassen. Generell hält sie die Bereitschaft ihrer Studenten, ins Ausland zu gehen, aber noch für ausbaufähig. Viele hätten noch nicht realisiert, wie wichtig das ist. "Vielleicht liegt das ja an der Heimatverbundenheit der Studenten", vermutet sie. Außerdem sei die Jobsituation so gut, dass die Unternehmenden Studenten Stellen anbieten, auch wenn sie keine oder wenig Auslandserfahrung haben. Teubner-Jatzlau hält Auslandsaufenthalte nicht nur für wichtig, weil die Studenten dadurch ihre Sprachfähigkeiten verbessern, oder weil es im Lebenslaufgut aussieht. Es helfe den Studenten, sich auch persönlich weiterzuentwickeln. Umgekehrt mussten die Offenburger auch die Anforderungen ihrer amerikanischen Kollegen erfüllen. Die wichtigste laut Teubner-Jatzlau: "Die Studenten sollten ohne Zeitverlust studieren können." Die Hochschule musste deshalb das Curriculum anpassen. Und sie bietet die für die amerikanischen Studenten relevanten Kurse und Vorlesungen jetzt in englischer Sprache an. Die Vorlesungen seien auch offen für deutsche Studenten, berichtet die Expertin. Das amerikanische Studiensystem unterscheidet sich grundsätzlich vom Deutschen. Es ist deutlich verschulter und auch kostspieliger. "Wir stellen uns deshalb auf junge Studenten mit einer hohen Erwartungshaltung ein", sagt deshalb die Auslandsexpertin. "Sie werden hoffentlich bei uns ein Stück Selbstständigkeit lernen." Sie will die Studenten da "sanft hinführen".

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