"Deutschland steht sich mit einer unvergleichlichen Regulierungsdichte selbst im Weg"

6.04.2018 Transfer, Ausgabe 01/2018

Die Idee ist da, aber wie wird daraus nun ein Unternehmen? Das ist eine von vielen Fragen, denen sich die Wirtschaftsregion Ortenau (WRO) unter der Leitung von Dominik Fehringer Tag für Tag wid­met. TRANSFER hat sich mit ihm über die Anforderungen der jun­gen Gründergeneration und die Herausforderungen der regionalen Wirtschaftsförderung unterhalten.

Herr Fehringer, laut einer aktuellen Studie von McKinsey könnte das deutsche Wirtschaftswachstum pro Jahr um 0,3 Prozent hö­her ausfallen, wenn die kleinen und mittleren Unternehmen in Deutschland konsequent auf die Chancen der Digitalisierung setzten. Doch nur jedes zweite mittelständische Unternehmen baut darauf. Um die Entwicklung voranzutreiben setzt die WRO jetzt zunehmend auf die Vernetzung von Kerngeschäft und Start­up-Szene. Eine gute Sache, aber warum hat es so lange gedauert?

Zunächst glaube ich an die Kraft des badischen Mittelstands. Vielleicht muss McKinsey auch einmal die Richtigen fragen. Ich darf jeden Tag erleben, mit welchem Einsatz sich die Ortenauer Unternehmen auf die Digitalisierung einstellen. Die ersten Veranstaltungen zu Industrie 4.0 haben wir übrigens vor Jahren angeboten, als der Begriff noch über­haupt nicht international eingeführt war. Heute befasst sich ein großer Teil unserer rund 70 jährlichen Veranstaltungen mit digitalen Themen.

Die ehrenamtliche Betreuung von Existenzgründern hat sich in den ver­gangenen Jahren überholt. Deshalb haben sich unsere Gesellschafter, die Beiratsunternehmen und die regionalen Volksbanken und Sparkas­sen für die Einrichtung einer professionellen Struktur entschieden. Seit dem vergangenen Jahr ist die WRO für die Existenzgründung in der Region zuständig. Ich kenne bundesweit kein Modell, das in dieser In­tensität Möglichkeiten für beide Seiten - Unternehmen und Start-ups - bietet.

Mit startUp.connect Ortenau haben Sie unter Leitung von Florian Appel jetzt eine zentrale Anlaufstelle für junge Gründer geschaf­fen. Welches Konzept steckt dahinter und was versprechen Sie sich davon?

Die Zuständigkeit für die Betreuung der Start-up-Szene der WRO zuzu­schlagen, war kein Selbstläufer. Aber es hat sich angeboten, dieses star­ke Netzwerk dafür zu nutzen. Alle in der Region aktiven Stellen, die sich schon bisher mit der Förderung von Existenzgründung befasst haben, hatten diesen Weg unterstützt. Dazu gehören neben dem Kreis, Städten und Gemeinden auch die Banken, Kammern, Hochschulen, Transfergesellschaften und weitere Akteure. Vor dem Start hat es einen intensiven einjährigen Aufbauprozess gegeben. Alle haben ihre Kraft und Kompe­tenz eingebracht. Auf das Ergebnis dürfen die Beteiligten stolz sein. Die Region hat erneut unter Beweis gestellt, dass man nicht untereinander um Kompetenzen rangelt, sondern an einem Strang zieht. Damit sind wir anderen Regionen weit voraus. Von der neuen Marke startUp.con­nect versprechen wir uns mehr Aufmerksamkeit für die Gründerszene, eine optimale Betreuung, Vernetzungsmöglichkeiten zwischen Start­ups und etabliertem Mittelstand und damit auch Innovationstransfer.

Was hat sich schon getan? Welche erfolgversprechenden Start­ups stehen bei Ihnen in den Startlöchern?

Jede Menge hat sich getan! startUp.connect ist in den drei regionalen Gründerzentren Technologiepark Offenburg (TPO). Bühler Innovations­und Technologiezentrum (BITZ) und im Hornberger Zentrum für Gewer­be und Handel (ZIG) aktiv. Darüber hinaus werden auch private Initiati­ven unterstützt. Florian Appel ist mit Elan dabei, eine Start-up-Szene zu etablieren. Im TPO wurde ein Coworking-Space einersten Mieter sind bereits eingezogen. Wir haben den bundesweit ers­ten Part-Time-Accelerator ins Leben gerufen. Dort können Schüler, Stu­dierende und Berufstätige neben ihrem Tagesgeschäft an einer guten Idee arbeiten. Dazu steht ein durch die WRO aufgebautes Netzwerk auserfahrenen Mentoren zur Seite. Dieser „Black Forest Accelerator" ist im vergangenen November angelaufen. Er wird von Uwe Baumann mode- riert. Darüber hinaus haben wir einen vielfältigen Eventbereich aufge­baut, damit die Start-ups sich auch untereinander kennenlernen und austauschen können. Dazu gehört die Reihe startUp.connect-Nights: Jeden letzten Mittwoch im Monat trifft sich die Gründerszene beim WRO-Mitglied Brauwerk Baden. Dort stellen sich die Start-ups vor und erhalten neue Impulse. Abseits dieser Reihe gibt es Veranstaltungen wie beispielsweise den Hackathon, bei dem Programmierer an speziellen Themen forschen und arbeiten. Hier waren die Hochschule Offenburg, die Volksbank in der Ortenau, sevenit, die AOK und die Stadt Offenburg wichtige Partner.

Gegründet wird meist in den Metropolen. Vielen Mittelständlern fällt es deshalb schwer, Digitalisierungs- und IT-Experten für neue digitale Projekte an ihre Unternehmensstandorte zu holen. Was bietet die Ortenau, das Städte wie Hamburg, München, Köln oder Berlin nicht im Repertoire haben?

Es stimmt, dass sich die Existenzgründung stark delokalisiert hat. Werin der Ortenau aufgewachsen ist, kann nach der Schul- und Hochschulzeit ein Unternehmen in vielen Ländern der Welt oder in europäischen Großstädten gründen. Wir kennen Gründer, die die Region verlassen haben. Die urbanen Zentren werben mit ihrer hippen Gründerkultur. Dort ist einiges entstanden, was bemerkenswert ist. Manches ist aber auch Schaumschlägerei. Wenn Sie als Existenzgründer gute Ideen zur digitalen Innovation in der Industrie haben, werden Sie Ihre Kunden nicht im Hipster-Kaffee in Berlin-Kreuzberg treffen. Dort mögen Sie sich zwar unter vielen App-Entwicklern zunächst mal wohlfühlen, aber am Ende des Tages müssen Sie in den Flieger nach Baden-Württemberg sitzen, um ein Gespräch mit Industriebetrieben führen zu können. Wir bieten vom ersten Tag an den direkten Kontakt in die weltmarktführen­de Industrie und in den starken Mittelstand der Ortenau. Das ist ein Alleinstellungsmerkmal. Wir wollen so die guten Köpfe in der Region halten und auch anderswo Gründer für die Ortenau begeistern.

Die meisten denken beim Thema Start-up zuerst ans Silicon Valley, wo selbst Teenager Millionen mit Tech machen. In Deutschland ist es viel schwerer, innovativ und erfolgreich zu sein. Worin unter­scheidet sich die deutsche Start-up-Szene zu der in den USA?

Es ist in Deutschland nicht schwerer, innovativ zu sein. Es ist nur schwe­rer, die Ideen in Produkte umzusetzen. Lassen Sie mich das an zwei Beispielen verdeutlichen. Das Beförderungssystem Uber hätte in Deutschland nicht erfunden und gestartet werden können. Die Rechts­lage im Taxigewerbe lässt das nicht zu. Nächstes Beispiel: Wenn Sie im Bereich der digitalen Vernetzung von einer guten Idee ausgehen, beispielsweise Social Media, und Sie diese Idee auf die deutschen Regeln im Datenschutz anwenden, ist es sehr wahrscheinlich, dass von der Ge­schäftsidee kein Geschäftsmodell mehr übrigbleibt. Deutschland steht sich hier mit einer unvergleichlichen Regulierungsdichte selbst im Weg. Was anderes wollen Sie als Existenzgründer da machen, als dem Land im Zweifel den Rücken zu kehren und vielleicht sogar mit offenen Ar­men im Silicon Valley empfangen zu werden?

Die erfolgreichsten deutschen Seriengründer setzten in der Vergangenheit vor allem auf das erfolgreiche Kopieren bestehender Konzepte. Sind wir einfach nicht kreativ genug?

Adaption ist keine Schande. China hat auf diesem Prinzip in den vergan­genen Jahrzehnten seinen wirtschaftlichen Erfolg aufgebaut. Wir müs­sen aber mehr Kreativität und digitale Kompetenz besonders in die Schulen bringen. Mit unserem Verein Bildungsregion Ortenau arbeiten wir an geeigneten Konzepten abseits starrer Lehrpläne. Ich danke aber an dieser Stelle ausdrücklich unseren Landtagsabgeordneten, die in Stuttgart die Weichen für eine zukunftsorientierte Bildung stellen. Al­len voran Staatssekretär Volker Schebesta, der unsere Rufe aus der Wirtschaft gehört hat. Das Land hat vor wenigen Wochen bei der digitalen Bildung kräftig nachgelegt. Jeder Impuls, der kreatives digitales Lernen und Handeln fördert, ist gut für unsere Zukunft.

Was können wir Ihrer Meinung nach von der internationalen Start-up-Szene lernen?

Ganz besonders zwei Dinge: Das Umfeld muss stimmen. Dazu gehören alle Aktivitäten, die wir mit startUp.connect abdecken. Dazu gehört aber auch, die bürokratischen Hürden für Gründer zu senken. Dafür ist die Politik zuständig. Entbürokratisieren, den dichten Paragraphen-Staub von den Tischen wischen und der jungen digitalen Generation auch was zutrauen. Das würde schon viel helfen. Es fehlt in Deutschland auch an Möglichkeiten der Start-up-Finanzierung. Wir dürfen hier nicht immer mit dem Zeigefinger auf die Banken zeigen. Eine Bank ist kein Risikokapitalgeber. Hilfreich wäre ein Mentalitätswandel in der Gesellschaft. Auch in der internationalen Start-up-Szene gilt die Regel, dass nur eines von zehn gegründeten Unternehmen erfolgreich skaliert. Das sollte aber Investoren nicht abschrecken. Gerade in den USA ist das Scheitern kulturell akzeptiert. Und die Investoren und Private Equity- Gesellschaften dort sind am Ende auch erfolgreich. 

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